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JETHRO TULL – Curious Ruminant
2025 (InsideOutMusic/Sony Music) - Stil: Folk/Rock
Der inzwischen 77-jährige Ian Anderson lässt seine Anhängerschaft, nachdem er auch im Studio seine alte Liebe JETHRO TULL wieder zum Leben erweckt hat, in jüngster Vergangenheit nicht mehr lange warten.
Nach ´The Zealot Gene´ im Jahre 2022 und ´RökFlöte´ im Jahre 2023 erscheint anno 2025 ein weiteres JETHRO TULL-Studioalbum mit dem Titel ´Curious Ruminant´.
Ausgearbeitet ab Mai 2024 mit Bassist David Goodier, Schlagzeuger James Duncan und Keyboarder/Akkordeonspieler John O’Hara, aufgenommen unter Einbezug von Schlagzeuger Scott Hammond, Gitarrist Jack Clark und Keyboarder Andrew Giddings, unterscheiden sich der Musikstil und die neuen Kompositionen aufgrund der unverwechselbaren Beiträge jedes einzelnen Bandmitglieds klarerweise von früheren Alben.
Bedingt durch den schnellen Schreibprozess decken JETHRO TULL eine breite stilistische Palette ab. Selbst die einzelnen Lieder variieren in ihrer Länge bewusst zwischen 2 1/2 Minuten (´Interim Sleep´) und 17 Minuten (´Drink From The Same Well´), schließlich entwickelt sich jede Idee auf andere Weise.
Lyrisch zieht sich Ian Anderson oft auf den Beobachterposten zurück, obwohl er auch bisweilen sein Herz auf der Zunge trägt und in persönlicher Form seine Überlegungen und Erfahrungen offenbart. Der Titel des Albums bezieht sich daher nicht nur auf einen tierischen Wiederkäuer, sondern auch auf einen nachdenklichen, reflektierenden Menschen. Er umschreibt den Zustand, neugierig zu sein und dann über das Gelernte nachzudenken.
Musikalisch sollen sich hingegen Folk, Rock und progressive Elemente miteinander vereinen, um neben Ian Andersons charakteristischem Flötenspiel und seiner poetischen Herangehensweise an Texte insbesondere mit Akkordeon und Mandoline einen abwechslungsreichen Klang im Sinne der Bandtradition zu erreichen. Dennoch lenkt besonders die Verwendung von akustischen Folk-Elementen alle Kompositionen nunmehr in eine frische Richtung.
´Puppet And The Puppet Master´ reflektiert über den Künstler als Marionette und Puppenspieler und verzaubert neben der Akustikgitarre und Hammondorgel natürlich mit Ian Andersons meisterhaften Flötenspielerei. ´Curious Ruminant´ hinterfragt hingegen grundlegende existenzielle Fragen mit der Kombination aus kraftvollen Gitarrenriffs und Flöte.
Die Mischung aus Akkordeon und Flöte geleitet Shakespeares “Macbeth” mit politischer Botschaft in ´Dunsinane Hill´ zu einem leidenschaftlichen Crescendo. Ein keltisches Folk-Thema umweht die Kritik zu den Konflikten im Nahen Osten mit dem Titel ´Over Jerusalem´ und die ruhige, folkige Ballade ´Savannah Of Paddington Green´ nimmt sich dem ewigen Thema Klimawandel an. Eher den Rock und Folk verbindend, erzeugen ´The Tipu House´ und das düstere ´Stygian Hand´ eine eigene Atmosphäre.
Der epische Song ´Drink From The Same Well´ kombiniert Jazz, Rock, Folk sowie östliche Musikstile und spricht von Einheit und Verständigung in der Welt. Er stammt allerdings aus dem Jahr 2007 und wurde für eine geplante, aber nie stattgefundene Live-Performance mit dem indischen Flötisten Hariprasad Chaurasia komponiert. Frisch überarbeitet und mit voller Bandbesetzung vorgetragen, ist es einer der längsten Songs von Ian Anderson. Somit kann auch ein gegensätzlich kurzes ´Interim Sleep´, in dem Ian Anderson von Verlust und Trauer spricht, den nachdenklichen und emotionalen Abschluss bilden.
´Curious Ruminant´ ist insofern besonders Flötenfreunden mit Vorliebe für seelenstarke lyrische Themen zu empfehlen, als Höhepunkt der Comeback-Trilogie von Ian Andersons JETHRO TULL.
Die Tage werden im Alter zwar gefühlt kürzer, doch alte Liebe rostet nicht, Holzflöten so oder so nicht.
(8 Punkte)
https://www.facebook.com/officialjethrotull/
Pic by Ian Anderson
(VÖ: 7.03.2025)